MUMON-KAI VERLAG
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10 wichtige Schritte in der Zen-Übung

Den folgenden Vortrag hat Mori am 22.03.2014 während des Dai-Sesshin in der Kin-Mō-Zendō, Berlin-Frohnau gehalten:



Liebe Zen-Freunde,


als ich mich daransetzte, einen Vortrag für dieses Dai-Sesshin vorzubereiten, habe ich überlegt, was mich zur Zeit wirklich beschäftigt und bewegt. So bin ich auf diese „10 wichtigen Schritte in der Zen-Übung“ gekommen.

Es gibt noch endlos viele Schritte mehr. Aber darüber kann jemand anders einen Vortrag machen. Wir beschränken uns heute auf diese zehn.

 

Sie lauten:


Nach innen blicken,
Feuer fangen,
sich reinknien,
realistisch sein,
nie aufgeben,
flexibel bleiben,
sich selbst annehmen,
sich nicht kategorisieren lassen,
frei werden,
offen bleiben.

Nach innen blicken:


François de La Rochefoucauld, ein französischer Schriftsteller des 17. Jahrhunderts, sagt dazu:

 

„Wir sind es so gewöhnt, uns vor anderen zu verstellen, dass wir es zuletzt auch vor uns selber tun.“


Wie viel Kraft wenden wir täglich dafür auf, unsere wirkliche Verfassung vor uns selbst und anderen zu verbergen!
Wir fühlen uns vielleicht gerade jämmerlich, doch lachen laut und schrill.
Wir möchten vielleicht gerade einfach nur allein sein. Doch dann erkundigen wir uns lang und breit ausgerechnet bei der geschwätzigsten Nachbarin nach deren wertem Befinden. Wir werden von Existenzängsten geplagt, sind verzweifelt und wissen nicht mehr ein noch aus. Doch trotzdem bieten wir anderen ständig ungefragt unsere Hilfe an.
Wir hausen privat in einem stinkenden Loch – aber statt sauberzumachen, parlieren wir schöngeistig und wortgewandt daher.
Statt den Missstand aufzudecken und zu ändern, versuchen wir, ihn zu überdecken und zu vertuschen. Dass ist so, als würde man zentimeterdick Schminke auf den Pickel schmieren, statt ihn zu desinfizieren und Luft dran zu lassen.
Wir nennen das „Verstellung“.
Zwar üben wir, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist - statt uns die Welt so zurechtzudenken, wie wir meinen, dass sie sein sollte.
Aber das gleiche gilt auch für uns selbst: lernen wir also auch, uns selbst erst einmal so wahrzunehmen, wie wir gerade jetzt wirklich sind.
Damit ist noch gar keine Bewertung verbunden: Die Wand ist weiß, die Füße sind kalt, ich koche vor Wut. Oder bin traurig. Oder habe Angst. Oder fühle mich wie ein frühlingstrunkener Schmetterling.

Besser noch, wir lassen das ›ich bin‹ weg und bemerken nur schlicht: Aha: Wut, oh, das ist ja Traurigkeit, oder: Angst, oder: Freude, Hunger, Müdigkeit usw.


Es reicht, unsere jeweilige Verfassung still und leise wahrzunehmen. Wir müssen sie nicht gleich auf Facebook posten.
Wenn wir dafür sensibel werden, dann können wir auch feststellen, dass sich unsere Verfassung ständig ändert.
Wir sind kein Nicht-Ich, das so und so zu sein hat und dies mehr oder weniger gut zustande bringt – wir sind ein Prozess. Diesen Prozess müssen wir aufmerksam beobachten lernen.
Wir müssen die Augen aufmachen. Nicht nur, um geschäftig herumzugucken („Wie kann ich ich-los entsprechen?“) , sondern auch, um ehrlich, unvoreingenommen und mutig in uns selbst zu blicken.
Dadurch gewinnen wir einen kleinen Abstand zu unserer Ich-Vorstellung und sind nicht mehr wie Pech und Schwefel damit zusammengeschweißt.

Feuer fangen:


Bruce Springsteen singt:

„You can’t start a fire without a spark.“
(Ohne einen Funken kannst du kein Feuer entfachen.)


Den zweiten Schritt nenne ich ›Feuer fangen‹.
Es gibt viele verschiedene Wege, die wir im Leben beschreiten können.
Wir sind jetzt hier, in dieser Zendō. Wir sind Mitglieder von Mumon-Kai. Wir haben viel erlebt und wir hatten die Möglichkeit, viel daraus zu lernen – manchmal haben wir auch mehr gelernt, als wir wissen wollten.


Unsere Zen-Übung ist wie ein Lenkrad, mit dem wir unserem Leben eine Richtung geben können. Die tägliche Übung des Zazen hilft uns, nicht von der Fahrbahn abzukommen und im Graben - oder gar gleich im Grab - zu landen.
Die Zen-Übung bietet uns eine über viele Jahrhunderte lang erprobte Möglichkeit, uns zu entwickeln. Uns wie Mumien auszuwickeln und zu befreien von all den alten, muffigen und unnötigen Bandagen, die uns einschränken, hemmen, behindern - und ziemlich alt aussehen lassen.


Wenn ein neues iPad auf den Markt kommt, dann kampieren fanatische Horden schon Nächte vorher in Schlafsäcken vor den Läden, um auch bloß so bald wie irgendwie möglich endlich das neueste Modell in den Händen zu halten.
Mit wieviel mehr Begeisterung sollten wir hier vor dem Dai-Sesshin die Zendō belagern! Statt wie Beamte des Zen routiniert die Zeit auf dem Zafu abzusitzen.
Denn hier wird uns nicht nur ein bisschen kurzweilige Ablenkung geboten wie durch ein iPad – hier können wir unser ganzes Leben retten!

Sich reinknien:


Der amerikanische Erfinder Thomas Alba Edison sagt:

„Etwas zu erreichen, besteht zu 1 % aus Inspiration und zu 99 % aus Transpiration.“


Wir könnten sagen: Zen besteht zu 100% aus Transpiration.

Wer hier noch nicht ins Schwitzen geraten ist, der träumt noch, der übt noch nicht.
Wenn wir uns fest entschieden haben, etwas Bestimmtes zu tun, dann „knien wir uns rein“, d.h. wir verlassen unseren alten Ich-Standpunkt, gehen auf die Knie, krempeln die Ärmel hoch und legen los.


Was wir tun, wird Wirklichkeit – was wir nur denken, träumen und hoffen, ist und bleibt wirkungslose Spinnerei.
Stellen wir uns vor, wir schwimmen irgendwo im kalten grauen Wasser des Atlantischen Ozeans. Neben uns geht gerade majestätisch die Titanic unter. Mancher mag im Wasser treibend denken: „Dies ist ein Moment von historischer Dimension!“ Ein anderer reckt die Faust gen Himmel und schwört der Reederei bittere Rache. Beide enden als Fischfutter.
Wenn hier etwas hilft, dann nur eins: Schwimmen.


Doch mancher geht lieber melodramatisch oder stillschweigend unter, als sich die Blöße zu geben, sich tatsächlich einmal anzustrengen. Es wäre ihm sehr peinlich, bei einer ehrlichen Anstrengung beobachtet zu werden. Das abgehobene Bild, das man von sich selbst entworfen hat, ist wichtiger geworden als das rohe Leben, das in den Adern pocht.
Das Image ist wichtiger geworden als das Leben selbst.
Von solchen Leuten bekommen selbst die Fische noch Bauchschmerzen.

Realistisch sein:


Der argentinische Freiheitskämpfer Che Guevara hat gesagt:
„Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche.“

Das könnte auch das Motto unserer Zen-Übung sein. Es muss ja nicht gleich eine kubanische Planwirtschaft daraus werden.

Wir sind realistisch UND wir versuchen das Unmögliche. D.h. wir grübeln nicht unser ganzes Leben darüber nach, WARUM etwas nicht geht. Wir überlegen, WIE es gehen könnte und zeigen dann, DASS es geht.
Realistisch sein und das Unmögliche versuchen heißt, auf dem Boden der Tatsachen stehend über unser Ich mit all seinen Begrenzungen hinauszuwachsen.

Wenn wir unsere heutige Welt mit dem Leben der Steinzeitmenschen vergleichen, wird offensichtlich, wie viel absolut 100% Unmögliches Wirklichkeit geworden ist. Selbst in den letzten hundert Jahre allein sind unvorstellbare Veränderungen vollzogen worden.


Wenn wir so reflektieren, neigen wir dazu, einseitig die heutigen Missstände anzuprangern. Doch kaum jemand von uns würde wohl ernsthaft mit einem Menschen aus der Steinzeit oder dem Mittelalter tauschen wollen, auch wenn damals die Tannen noch grüner waren und das Handy nicht ununterbrochen geklingelt hat: Demokratie, Sozialstaat, medizinische Versorgung, Rechtswesen, Wissenschaft und Informationszeitalter geben uns Sicherheit, Lebensqualität, Mitspracherecht, Einsichten und persönliche Entwicklungsmöglichkeiten. So etwas war nur wenige Generationen zuvor vollkommen unvorstellbar.


Wir sehen also, dass auf vielen Gebieten mit Feuereifer daran gearbeitet wird, das Unmögliche möglich zu machen. Manche dieser Anstrengungen wirken unheilsam, so zum Beispiel die Digitalisierung unseres Lebens und die Umweltzerstörung.  Viele dieser Bemühungen haben aber auch heilsame Wirkung, z.B. in der Verbesserung von Menschenrechten und Medizin.   
Bleiben auch wir also nicht im alten Denken stecken. Bleiben wir auf dem Boden der Wirklichkeit – und gehen wir von dort aus weiter.

Nie aufgeben:


Konrad Adenauer hat gesagt:
„Fallen ist weder gefährlich noch eine Schande. Liegenbleiben ist beides.“


Wenn wir uns in der Natur umblicken, gibt es dort kein Aufgeben. Aufgeben ist Denken. In der  Natur geht es immer weiter. Altern und Verfall, Krankheit, Verletzung und schließlich Sterben gehören dazu. Kein Tier begeht Selbstmord. Es lebt so lange, bis es stirbt.


Aber uns Menschen ist das zu primitiv.
Beispiel: Irgendwann überantworten sich auch die Top-Brüste des Supermodels der Schwerkraft. Dann nimmt die Schöne schnell eine ganze Hand voll Schlaftabletten, um wenigstens noch eine passable  Leiche abzugeben. Das ist dann der letzte große Auftritt.


Zu versagen, zu zweifeln, krank zu sein, alt zu werden, all unsere großen und kleinen Niederlagen sehen nicht so gut aus. Wir verzweifeln und denken, dass schon der Tod an unserem Leben nagt. Dabei merken wir gar nicht, dass es das Leben selbst ist, das an unserem Ich, unserem Denken, unserem Festhalten rüttelt. Das Leben sagt uns: „Guck mal, SO ist das – und nicht so, wie du willst und nicht so, wie du denkst!“


Spielverderber werfen dann ihre ganze Kartenhand auf den Tisch und proklamieren: „Dann mach ich nicht mehr mit!“
Wenn es in die eine Richtung nicht weitergeht, müssen wir es in eine andere Richtung versuchen. Wenn die Umsegelung von Kap Horn an der Südspitze Südamerikas zu gefährlich ist, dann bleiben die Seefahrer nicht einfach zu Hause, sitzen den Rest ihres Lebens vor der Glotze und ergeben sich dem Suff. Nein, dann bauen sie den Panama-Kanal!

Flexibel bleiben:


Wilhelm Busch sagt:
„Aber hier, wie überhaupt, kommt es anders, als man glaubt.“


Wenn unsere Pläne durchkreuzt werden, unsere Hoffnungen sich nicht erfüllen, etwas Unvorhergesehenes geschieht – dann kommen wir mit unserem alten Denken nicht mehr weiter.
Das ist sehr ärgerlich.
Wir haben den perfekten Tag geplant: aber das Leben schert sich nicht um unsere Regieanweisungen: stattdessen regnet es, das Auto ist kaputt, unser Besuch ist krank geworden, die Freundin hat ihre Periode bekommen, jemand muss ins Krankenhaus gefahren werden, der Computer geht nicht mehr.
Wir brauchen einen Plan B.

 

Meist ist Plan A von unserem Denken und Wollen diktiert. Plan A ist unser Ich-Plan. Zeit und Ressourcen sollen optimal zum Erreichen eines Zieles genutzt werden.
Doch dann kommt alles ganz anders. Plan A muss aufgegeben werden.


In unserem Fall sah Plan A folgendermaßen aus: 36 Zen-Übende sitzen hier beim Dai-Sesshin 2014 mit grimmig entschlossener Miene kerzengrade aufgereiht und üben RICHTIG Zen.
Nun, Plan A hat sich nicht erfüllt. Stattdessen sitzen nun WIR hier.


Wenn Plan A misslingt, wird es entweder furchtbar deprimierend - oder aber erst richtig interessant. Das liegt einzig an uns. Mit Plan A geht auch unser Denken flöten. Ob wir das als Chance erkennen oder den Rest unseres Lebens bejammern, ist unsere Entscheidung.


Wir kennen alle die Szene, als Alexis Sorbas im gleichnamigen Film zu tanzen beginnt, nachdem sein Projekt, die Seilbahn, bei der Einweihungsfeier zusammenbricht. Das ist sehr bewegend. So nah ist ein Griechen dem Zen seitdem wohl nie wieder gekommen.  


Beim Tanzen darf es natürlich nicht bleiben, sonst landen wir auf Bonnies Ranch (Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Berlin-Wittenau).

Aber wir sollten uns immer bewusst machen, dass das Leben nicht zusammen mit unseren Wünschen und Hoffnungen auseinanderbricht. Es lebt munter weiter. Es gibt eigentlich keinen einzigen guten Grund, warum wir uns dem nicht immer wieder anschließen sollten.

Sich selbst annehmen:


Thomas von Aquin hat gesagt:

„Die Wurzel alles Bösen in der Welt ist der Mangel an Liebe zu sich selbst.“


Wir haben schon begonnen, uns selbst zu beobachten. Vielleicht konnten wir dabei feststellen, dass wir nichts Festes sind. Wir sind ein Prozess sich ständig wandelnder Zustände. Viele Zustände, die wir als ich-haft bezeichnen würden, sind dabei. So gibt es zwar haufenweise ich-haftes Verhalten, aber genau betrachtet gar kein Ich dahinter.


Das ist so, als würde ich irrtümlicher Weise davon ausgehen, unter einem Gehirntumor zu leiden. Ich fühle mich totsterbenskrank. Laute Geräusche sind mir schlichtweg unerträglich. Ich weise meine Mitmenschen an, entsprechend Rücksicht zu nehmen. Selbstverständlich bin ich arbeitsunfähig. Ich lebe in ständiger Angst und verbringe jeden Nachmittag damit, meinen Nachruf umzuformulieren.
All dieses Leiden und meine Reaktion darauf ist real, all das ist wirklich, all das wirkt ununterbrochen. Aber die Ursache des Leidens, der Tumor, ist nur vorgestellt. Es gibt gar keinen Tumor!

Auf unsere Ich-Vorstellung bezogen, heißt das: Ich leide zwar real unter einem Ich, aber es gibt gar kein Ich!


Wir haben zwar kein Ego, aber deshalb sind wir noch lange keine ätherischen Lichtgestalten: wir sind Menschen. Menschen haben bestimmte Bedürfnisse. Dies sind körperliche Bedürfnisse nach Nahrung, Schlaf, Sexualität u.s.w., Sicherheitsbedürfnisse, Bedürfnisse nach freundschaftlichen sozialen Kontakten, das Bedürfnis, das Leben selbstbestimmt zu leben und die Möglichkeit zu haben, die Anlagen zu verwirklichen, die in uns schlummern.


Ausnahmslos alle Menschen haben mehr oder weniger stark ausgeprägt diese Bedürfnisse.
Wer meint, sich arrogant über diese Grundbedürfnisse, die uns mit allen Menschen auf der Welt verbinden, auf Dauer hinwegsetzen zu können, wird früher oder später eine böse Überraschung erleben.


Beispiel: Wenn wir kein Benzin ins Auto tun, bleibt das Auto irgendwann stehen. Da hilft auch der eiserne Wille des Fahrers nicht. Benzin steht hier für eines der Grundbedürfnisse, in diesem Beispiel ein Grundbedürfnis des Autos. Auch der willensstärkste Fahrer bekommt kein Auto in Gang, wenn der Tank leer ist.
Wir sollten uns selbst ein guter Freund und weiser Berater werden – statt ein gnadenloser Kritiker und Anpeitscher. Erst, wenn wir uns als Mensch unter Menschen annehmen, können wir auch als Mensch unter Menschen leben.

Sich nicht kategorisieren lassen:


Die italienische Schauspielerin Sophia Loren hat gesagt:

„Ganz und gar man selbst zu sein, kann schon einigen Mut erfordern.“


Wie hat ein Buddhist zu sein?
Das können wir auf den Webseiten beliebter buddhistischer Gruppen sehen. Es gibt den Sonnenschein-Typus des Buddhisten, der reflexhaft zu allem lächelt und ständig mit allen lieben Mitmenschen einen Tee trinken möchte. Dann gibt es den ernsten Typus, der versucht, möglichst grimmig drein zu blicken. Hinter diesem Pokergesicht, so will er die anderen glauben machen, funkelt das Juwel der Weisheit. All das ist Schauspielerei.


In Mumon-Kai praktizieren wir keinen solchen Hochglanz-Buddhismus. Aber sobald wir darüber grübeln, wie die anderen uns wohl wahrnehmen, haben wir uns schon verloren.


Beispiel: Ich hatte in meiner Jugend einen Freund, der gut küsste. Um ihm mal was Nettes zu sagen, sagte ich ihm: Du küsst aber gut. Kaum hatte ich ihm dieses Kompliment gemacht, war es auch schon vorbei mit den innigen Küssen. Stattdessen wurde ein furchtbares Geschlabber daraus. Vielleicht dachte er, dass er jetzt in der 1. Liga küsst und legte sich deshalb so richtig ins Zeug. Er knutschte, als wolle er die Goldmedaille erringen. Ich rang nach Atem - und bin seit dem mit Komplimenten vorsichtiger.


Ob als Knutsch-Weltmeister oder medaillen-verdächtig ich-loser Buddhist – lassen wir uns nicht länger kategorisieren.  Und stutzen wir uns auch nicht selbst so zusammen, um einer bloßen Vorstellung, unserer eigenen oder der eines anderen, zu entsprechen.

Das Leben passt in keine Schublade – und wir auch nicht.

Frei werden:


Maude fragt Harold im gleichnamigen Film:

„Ich würde mich am liebsten in eine Sonnenblume verwandeln. Sie sind so groß und einfach. Was für eine Blume würdest du gern sein?“


Wie viele Jahre laufen wir voraussichtlich auf diesem Planeten herum?
2012 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern in Deutschland 78,6 Jahre, von Frauen 83,3 Jahre. Für Polen liegt die Lebenserwartung etwas niedriger. Kommt uns also öfter mal besuchen, dann lebt Ihr länger! (An unsere polnischen Zen-Freunde aus der Eiwa-Zendo gerichtet.)
Bei diesen Berechnungen geht es um Quantität.


Doch wie lange hat der eine unvergessliche Kuss gedauert? Oder das kleine Freudentänzchen damals auf der Frühlingswiese? Wie viele Stunden vor dem Computer oder im Stau auf dem Stadtring würde ich für einen solchen kurzen Moment wohl eintauschen?


Aber wenn jemand stirbt, bevor er 78,6 bzw. 83,3 Jahre alt geworden ist, dann wurde er damit  praktisch um einen Teil seiner statistisch zugeteilten Lebenserwartung geprellt. Das tut dann allen furchtbar leid.


Vielleicht sollten wir uns lieber fragen: Habe ich mein Leben dazu genutzt, mich zu befreien? Die unendlich vielen Verstrickungen des Daseins, des Denkens, des Wollens und Nicht-Wollens abzuwerfen? Habe ich mein Leben gelebt? Habe ich zu mir selbst gefunden?


Freiheit wird oft mit Willkür verwechselt. Ich mache, was ich will - also bin ich frei.
Wir Zen-Buddhisten sagen: Frei sein, um entsprechen zu können. Aha. Aber Freiheit besteht nicht nur darin, die Telefonrechnung rechtzeitig zu bezahlen und den Bio-Müll runterzubringen, bevor die Bude stinkt.


Beispiel: Wenn wir die Einkommenssteuererklärung korrekt ausgefüllt rechtzeitig beim Amt abgeben, haben wir zwar pflichtbewusst entsprochen. Wir sind deshalb aber noch lange nicht frei.
Wenn wir aber aus unserer Einkommenssteuererklärung einen Papierhut falten könnten, um mit dem Papierhut auf dem Kopf dann im Regen einen Stepptanz zu vollführen, oder aber einen Schwan daraus falten könnten, den wir auf dem Tegeler See schwimmen lassen, oder wenn wir die Mona Lisa in Öl auf das Formular malen könnten, wie sie gerade auf einem rosa Elefanten mit grünen Punkten reitet und sich dabei in der Nase bohrt – wenn wir das tun könnten, aber trotzdem dieses Mal die Steuererklärung korrekt ausfüllen und rechtzeitig abgeben – das ist Freiheit.

Offen bleiben: 


Der amerikanische Humorist William Rogers sagt:

„Die Chance klopft öfter an als man meint, aber meistens ist niemand zu Hause.“


Wir haben schon eine Menge erlebt. Wir wissen längst, wie der Hase läuft. Uns kann keiner mehr was vormachen. Wenn wir gerade mal die halbe Geschichte gehört haben, winken wir schon ab: Ja, ja, ich weiß schon, was jetzt kommt.


Wenn wir uns ältere Leute ansehen, dann können wir sie grob in zwei Gruppen einteilen: auf der einen Seite in die, die schon wissen, und auf der anderen Seite in die, die noch lebendig sind.


Die einen verabsolutieren ihre bisherigen Erfahrungen und stülpen sie allem, das ihnen begegnet, über.
Die anderen bleiben immer offen für neue Erfahrungen, sind beweglich und lernen ständig dazu.


Zen-Geist ist Anfänger-Geist, d.h. Zen-Geist ist offener Geist. Das heißt nicht, dass wir voller Begeisterung immer wieder in die gleiche Fallgrube tappen und, unten aufgeschlagen, mit Konfetti werfen.

Wir sehen zwar die Fallgrube, nehmen aber auch die Gänseblümchen wahr, die daneben wachsen. Wir sehen die ausgetrampelten Pfade vor uns, die in die Fallgruben unseres Daseins führen.

Und während wir uns mit großen Augen umblicken, eröffnet sich uns plötzlich ein neuer Weg. 

© Mumon-Kai Verlag 2015